Tag der Allgemeinmedizin

Fortbildungsveranstaltung während des 9. Göttinger Tages der Allgemeinmedizin

„Ist 120 das neue 140 ?!? – Sind neue Leit‐Werte für die Blutdruckeinstellung sinnvoll?“

Mittwoch, 2. November 2016, 16:30 bis 18:00 Uhr

In die Fortbildungsveranstaltung während des 9. Göttinger Tages der Allgemeinmedizin, „Ist 120 das neue 140 ?!? – Sind neue Leit‐Werte für die Blutdruckeinstellung sinnvoll?“, führte Ute Andres, vom NDR Studio Göttingen, höchst sachkundig ein und moderierte die Veranstaltung erfrischend lebhaft und im Detail nachfragend.

Uwe Popert, Hausarzt aus Kassel und seit langem in der Leitlinienentwicklung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) engagiert (Kardiovaskuläre Risikoberatung, Multimedikation u.a.), rekapitulierte zunächst die wesentlichen Studien zur Hochdruckbehandlung aus der Vergangenheit und stellte den Zuhörern die Frage, ob ihre Behandlungsschwellen für alle Patienten gleich seien. Die zahlreichen unterschiedlichen Blutdruckdefinitionen und -ziele seien verwirrend und teilweise nicht ausreichend evidenzbasiert. Klar sei, dass eine Blutdrucksenkung von 180/100 mmHg auf 140/90 mmHg Herzinfarkte, Schlaganfälle und Sterblichkeit verringere; für Blutdrucksenkung unter 140 mmHg systolisch bzw. unter 90 mmHg diastolisch hingegen konnten Interventionsstudien eine Senkung der Sterblichkeit bisher nicht zeigen. Auch Hypertoniker über 80 Jahre, wenn ohne wesentliche weitere Erkrankungen oder Gebrechlichkeit, profitierten von einem Blutdruck unter 145/90 mmHg. Bei Patienten mit KHK sei bei einem Blutdruck unter 120/80 mmHg mit einem Anstieg der Sterblichkeit zu rechnen.

Beitrag von Dr. med. Uwe Popert

Egbert Schulz, Nephrologe aus Göttingen und als Regionalbeauftragter engagiert in der Deutschen Hochdruckliga e.V. (DHL), berichtete zunächst, dass mittlerweile drei Viertel der behandelten Betroffenen gute Blutdruckwerte unter dem Grenzwert von 140/90 mmHg erreichten, während 2001 dies lediglich auf ein Viertel zugetroffen habe. Wie auch später in der Podiumsdiskussion, stellte er die Problematik der Polypharmazie zur Diskussion: während der jeweilige Zielblutdruck sich vielfach nicht mit einer Monotherapie erreichen lasse, würden in der Regel doch nur zwei bis drei Substanzen benötigt. Wie Uwe Popert zuvor, stellte er in Frage, ob die geübte Praxis der Blutdruckmessung verlässlich sei, er brach eine Lanze für die Ambulante Blutdruckmessung (ABPM). Die SPRINT-Studie, Aufhänger für diese zentrale Veranstaltung am 9. Göttinger Tag der Allgemeinmedizin, habe in der Tat bei globaler Betrachtung einen Vorteil für die „intensiv“ gegenüber den „standard“-mäßig behandelten Studienteilnehmern mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko gezeigt. Genauere Betrachtung der Studienergebnisse jedoch lasse Zweifel aufkommen, ob tatsächlich die meisten der „intensiv“ Behandelten systolische Blutdruckwerte unter 120 mmHg erreicht hätten. Dies würde zudem belegt durch eine aktuelle Subanalyse der in SPRINT parallel mit ABPM kontrollierten Patienten. Die in der Studie zum Einsatz kommende Blutdruckmessmethode entspräche zudem nicht einer üblichen Blutdruckmessung in der Praxis, sondern sei eher zwischen Heimmessung und ABDM anzusiedeln, bei denen die Grenzwerte ohnehin niedriger lägen. Besonders profitierten Patienten ohne vorbestehende chronische Nierenerkrankung oder chronische Herz-Gefäßerkrankung, Patienten über 75 Jahren sowie solche mit niedrigen Ausgangswerten oder bereits gut eingestelltem Blutdruck. Er kam zu dem Schluss, dass die SPRINT-Studie die Effektivität leitliniengerechter Behandlung des erhöhten Blutdrucks bestätige, jedoch neue Leitlinienziele mit Praxismesswerten unter 120 mmHg nicht rechtfertige.

 Beitrag von Dr. med. Egbert Schulz

An der folgenden Diskussion beteiligte sich auf dem Podium auch Eva Hummers-Pradier, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen und Hausärztin. Die Moderatorin Ute Andres, gut vorbereitet, fragte zu verschiedenen Aspekten der Hochdruckbehandlung intensiv nach, und die drei Diskutanten legten ihre Ansichten jeweils präzise dar - dennoch kam es nicht zu wirklich kontroversen Äußerungen, weil alle darin übereinstimmten, dass es in der Praxis gelte, leitliniengerecht für jeden einzelnen Patienten zur individuell angepassten, optimalen Behandlung zu gelangen. Auch aus der SPRINT-Studie ließen sich jedenfalls weitergehende Schlüsse für allgemeine Senkungen etwa der Blutdruckziele nicht ableiten. Möglicherweise, so die Podiumsteilnehmer, seien die differenzierten Studienergebnisse bei ihrer schnellen Rezeption für das Fachpublikum vereinfacht und insbesondere von den Laienmedien allzu absolut dargestellt worden. Popert und Schulz wiesen darauf hin, dass für junge Hypertoniker interventionelle Studienergebnisse zur angemessenen Behandlung fehlten.

Differenzierte Fragen und sachkundige Anmerkungen der Zuhörer berührten die Rolle und Einfluss der pharmazeutischen Industrie - die Frage, ob derart große Studien überhaupt ohne Beteiligung der Hersteller durchgeführt werden könnten, blieb offen -, und rundeten die Beiträge zum Medikamenteneinsatz zu einem vollständigen Bild ab. Diese zentrale Veranstaltung des 9. Göttinger Tags der Allgemeinmedizin war wissenschaftliche Fortbildung, wie Hausärzte sie dringend benötigen und haben wollen, denn ihre Ergebnisse sind sofort im Praxisalltag anwendbar, um Patienten mit dem Beratungsanlass „Bluthochdruck“ besser gerecht werden zu können.

Ein Bericht von Dr. med. Johannes Hauswaldt.

 

Und hier noch ein paar Impressionen!

 

 

 

 

 

 

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